Küken mit Unterbiss - ein Handicap?
Brut von Wanda und Baltic April 2012


22.4.12

Erstmalig stellte sich in einer Brut im April 2012 heraus, dass drei der sechs Küken einen sogenannten "Unterbiss" haben. Es sind Küken 2, 4 und 6, alles Hennen des genau gleichen Farbschlags (Opalin Hellblau), die sich zum Verwechseln ähneln. Zwei Brüder sowie eine Oplain dunkelblaue Schwester mit Gelbgesicht haben normale Schnäbel.
Die Standard-Eltern Wanda und Baltic sind selbst völlig unauffällig, so dass es uns unmöglich ist, festzustellen, ob es von einem der beiden vererbt worden sein könnte.
Ein Unterbiss ist ein bei Küken selten auftretendes Handicap, bei dem der Oberschnabel im Verhältnis zum Unterschnabel zu kurz ist, so dass er in den Unterschnabel hinein wächst. Normalerweise ist dies nicht vererbbar, allerdings zweifeln wir das in diesem speziellen Fall an, da es drei Küken in gleicher Weise gleichzeitig betrifft. Deshalb überlegen wir, die Eltern keine weiteren Bruten machen zu lassen.
Wir recherchierten, dass diese Vögel mit dieser Fehlstellung gut leben und das Fressen lernen können, manchmal etwas langsamer als andere.
Um alle Möglichkeiten auszuschöpfen, stellten wir die zwei ältesten der drei Küken beim vogelkundigen Tierarzt vor. Dieser war auch nicht ganz sicher, was am besten zu tun sei. Es wurde schließlich entschieden, versuchsweise bei dem ältesten Küken den Unterschnabel etwas zurückzufeilen und auch beim Oberschnabel die bereits hakenförmige Einwölbung der Spitze leicht wegzufeilen, damit er vielleicht wieder über den Unterschnabel weiter wächst. Leider blieb dieser Versuch erfolglos. Seitdem wächst der Unterschnabel ständig schnell nach, und dieses Küken (K2) hat nun mehr Probleme als seine jüngere Schwester (K4). Küken 2 mussten wir oft sondieren (über eine Kropfsonde zufüttern), wenn es zu leicht wurde. Es schwankt zwischen 40 und 45 Gramm, während die Schwester K4 62 Gramm auf die Waage bringt. K6 ist übrigens derzeit noch im Nistkasten und wird von Papa gefüttert. Sobald K2 zur Schlafenszeit oder vormittags nach der morgendlichen Fütterung wieder auf 40 Gramm runter ist, füttern wir zu.

Es bleibt abzuwarten, wie sich das Trio weiter entwickelt. Für uns ist es eine neue Erfahrung und wir setzen alles daran, den dreien eine Chance zu geben, ihr Leben zu meistern. Erfreulicherweise gibt es schon Anfragen von lieben Menschen, die eines der Kleinen aufnehmen möchten, selbst wenn dies im Einzelfall bedeuten könnte, dass regelmäßig der Schnabel zu feilen ist. Saro hat dies bei K2 mit verschiedenen Methoden probiert und es klappt eigentlich gut - ist also lernbar ;) Nichtsdestotrotz: Das selbständige Fressen ist aus unserer Sicht ein Muss für eine akzeptable Lebensqualität - Hoffen wir, dass es alle drei schaffen werden!

Jetzt einige Fotos zur Veranschaulichung und dann eine total süße Bildergeschichte von einem ungeplanten Ausflug von Küken 4, welches mir gestern unbedingt bei der morgendlichen Fütterung "helfen" wollte...

Über die weitere Entwicklung werde ich im Anschluss auf dieser Seite chronologisch berichten!


7.4.12


Küken 2, 4 Wochen alt, versucht sich an der Hirse, aber es will noch nicht gelingen
- was in diesem Alter auch völlig normal ist.











12.4.12


Küken 2, knapp 5 Wochen alt.







21.4.12


Küken 4 macht einen Ausflug!

Heute hab´ich keine Lust, in der langweiligen Zuchtbox zu sitzen und mogel´ mich mal mit den abgegrasten Futternäpfen nach draußen! Mal gucken, ob Kirsten uns das Futter anständig auffüllt! - Hey, supi! Ist das viel! Wieso kriegen wir immer nur so eine kleine Portion?? Mal schnell vollfuttern, bevor ich gestört werde...







So, das reicht erst mal. Mal gucken, was es hier draußen noch so zu entdecken gibt!
Was steckt denn wohl da hinter??





Na ja, war nicht soooo interessant! Kletter ich mal da hoch, da hängt doch was...





Hrmpfff, bin nicht wieder alleine runter gekommen, hat mich die Kirsten doch glatt da weg gerupft! Geh´ ich mal in der anderen Richtung weiter glotzen... Sieht doch lecker aus, mal probieren!









Was blinkt denn da so schön? Tolles Ding! Mal sehen, was da drin ist...











Ok, alles erkundet, was gibt´s denn sonst noch?? Kiiiiiiirsten!!! Du hast ja immer noch nicht unsere Näpfe wieder voll gemacht -tztztz... Was hast du denn da ständig so ein schwarzes Ding vorm Gesicht, das mich immer wieder anblitzt?!?





Nix als leere Näpfe, aber das Klettern macht echt Spaß!





Uiiiii, ist ja ganz schön tief... Wie kommt man denn daaa unfallfrei runter? Ich seh´s ja immer beim Papa und meinen großen Geschwistern - die können das schon, aber ich trau mich noch nicht - neineinein...







Puhh, nach deeem anstrengenden Abenteuer geh´ ich am besten noch ´ne Runde futtern - und dieses leckere Zeug in der Riesenschüssel ist voll das Beste!

(Anmerkung der Redaktion: Gemisch aus Eifutter, Keimfutter und Kräutern)



Na prima, inzwischen hat die Frau doch mal gearbeitet! Unsere Näpfe sehen ja wieder recht appetitlich aus...

Speziell für unsere Handicap-ler:
Links: Senegalhirse, kleinste Hirsesorte, für Küken leicht zu knacken
Rechts: Nutribird B 14 Pellets: gepresstes Vollfutter - kein Entspelzen
Hinten Mitte: Reines Feucht-Eifutter








So, jetzt ist aber Putz-Zeit!



Boah, bin echt müde - ob ich hier in der Fremde ein Nickerchen wagen kann? ...





Na gut, ich zeig´ euch jetzt noch meine Zuckerseiten!!!
Unterbiss? Was ´n das? Siehst du was???
Ciao!!!









25.4.12


Küken 4 beschwert sich!

Küken 4 ist natürlich als Shooting-Star inzwischen sehr gefragt, aber heute reagiert sie doch etwas divenhaft auf die Zurschaustellung bei unseren Freunden Katrin und Sabine...

"Ja, schaut her, wie brav ich auf eurem Fingerchen sitze..."



"Boah ey, da hat schon wieder einer gesagt, ich hätte einen Unterbiss *schmoll* ..."



"Ich hau ab, wo geht´s hier raus?!?"





"Ok, dann eben nicht, aber meine Schnute kriegt ihr nicht mehr zu sehen!"





29.4.12


Licht und Schatten

Unser tapferes und schlaues Küken 4 hatte die Nase gestrichen voll - und sorgte jetzt für eine groooooße Überraschung. Immer wieder schauten wir es genau an, und irgendwann waren wir sicher: Der Unterbiss ist weg!!! Die Kleine muss heimlich geübt haben: Auto-Logopädie - coole Sache! ... Oder aber: Das Handicap hat sich ausgewachsen: Der Oberschnabel geht vorschriftsmäßig über den Unterschnabel und damit ist für dieses Küken die Bahn frei für ein ganz normales Wellileben!!! Wir sind überglücklich und können demnächst dieses Charakterköpchen ganz normal abgeben :)))

Wo Licht ist, ist leider auch Schatten. Unser liebes tapferes Küken 2 hat trotz aller Fürsorge keine Fortschritte gemacht, selbständig zu fressen. Schon seit längerer Zeit wird es offensichtlich nicht mehr von Papa Baltic gefüttert, macht leider auch keine Anstalten, ihren Vater anzubetteln und sitzt meist resigniert in einer Ecke der Zuchtbox. Aber wir sehen es auch immer wieder im Aufzuchtfutter sitzen und unermüdlich futtern versuchen. Morgens und abends wiegen wir es, oft bringt es nur noch 38 bis 40 Gramm auf die Waage - die Geschwister liegen bei 56 bis 60 Gramm. Regelmäßig füttern wir es per Kropfsonde mit einer Nährlösung und bringen sie damit auf maximal 44 Gramm. Vor Hunger und Verzweiflung schluckt sie anscheinend immer wieder nicht entspelzte Körner runter, die dann mit einem starken Durchfall unverdaut wieder ausgeschieden werden. Jeden Tag habe ich die Kleine nach dem Sondieren in der Hand, wasche ihr wenn nötig den Popo und halte sie danach ganz lange in der Hand, sie kuschelt sich hinein und ist ganz still und anschmiegsam. Unsere Hoffnung schwindet, dass sie es schaffen wird. Siebeneinhalb Wochen ist sie jetzt schon alt. Wir denken darüber nach, sie erlösen lassen zu müssen. Welch unschöne Seite des Züchtens!

Küken 6 ist jetzt 6 Wochen alt und lässt sich immer noch von Papa füttern, forsch und selbstbewusst ringt sie ihm alles ab, was geht. Sie bettelt sogar K2 an, und selbst dieses füttert ihre Schwester, obwohl es selbst nichts hat.... K6 ist kräftig und wohlgenährt, sitzt sehr oft im Futter und versucht zu fressen. Da Papa sie noch füttert, können wir gar nicht abschätzen, ob sie auf das Zufüttern angewiesen ist oder ob sie auch alleine fressen könnte. Wir lassen ihr Zeit, solange Baltic es mitmacht, in der Hoffnung auf einen guten Ausgang. K6 hat einen starken Unterbiss, ob sich das auch noch verwachsen kann... Es kommt uns unwahrscheinlich vor, aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.


2.5.12


Küken 2 fliegt ins Regenbogenland

Unser kleiner Schatz, Wandas Küken 2, fliegt nun hoffentlich munter und glücklich mit vielen anderen im Regenbogenland seiner Wege. Eben ist es beim Tierarzt friedlich in meiner Hand eingeschlafen.

Wir konnten es nicht länger mit ansehen, es gab keine Hoffnung mehr, das Kleine hatte sich auch selbst aufgegeben, machte kaum noch Fressversuche. Im Forum haben viele uns sehr auf diesem Weg unterstützt und unseren Entschluss gut geheißen, das hat uns sehr geholfen, vielen Dank noch mal allen an dieser Stelle! So fühlt man sich wenigstens nicht so allein und irgendwie zweifelnd schuldig mit dieser Entscheidung.



23.5.12


Küken 6 hat es geschafft!

Während Küken 4 schon lange zu seinen glücklichen neuen Besitzern ausgezogen ist, machte uns Küken 6 noch eine Zeitlang Kopfzerbrechen.
Der Unterbiss blieb unverändert, wir nannten sie inzwischen neckisch "Bocca" (italienisch: "Mund"), aber sie fühlte sich immer pudelwohl und klebte an ihrem Papa - der aber auch an ihr, die beiden schienen fast wie ein Pärchen zu werden. Papa Baltic schien immer mehr partnerschaftliche Gefühle zu entwickeln, was sich auch in eindeutigen Annäherungsversuchen zeigte, gleichzeitig fütterte er sie unermüdlich und bereitwillig immer weiter. Aber wir sahen Bocca auch ausgiebig in den Futternäpfen mümmeln. Anfang Mai setzten wir sie gemeinsam mit Papa in die Jugendvoliere, wo sie wie alle anderen schnell sicher und fröhlich herumturnte. Am 11.5. -Bocca war schon knapp 8 Wochen alt - entschieden wir uns für eine Trennung von Herrn Papa, um endlich Gewissheit zu erhalten, ob sie es selbst schafft. Wir entließen Baltic in die Flugvoliere zu den anderen "Erwachsenen". In den nächsten Tagen (tägliches Wiegen war jetzt natürlich ein Muss!) saß Bocca bei der Handfütterung ausdauernd auf unserer Hand und schließlich entdeckten wir ihre rettende Methode: Sie schiebt einfach beim Fressen den Oberschnabel über den Unterschnabel), also in die ganz "normale" Position und frisst und entspelzt die Körner wie jeder normale Wellensittich! Klasse! Auch eine Auto-Logopädie ;))) - sie hat einfach die beste Lösung entdeckt und BINGO! Nach dem Fressen wird der Oberschnabel wieder zurück in den Unterschnabel "gelegt", ist wohl bequemer so! Aber was will man mehr? Eine süße schlaue Henne mit einem kleinen unauffälligen Schönheitsfehler, den sie gekonnt und selbstbewusst mit ihrem Charme überspielt :))
Wer weiß, vielleicht sorgt ihre Methode sogar dafür, dass sich der Unterbiss bei ihr mit der Zeit auch noch ganz auswächst...
Heute ist sie mit neuneinhalb Wochen ausgezogen, und vorher haben Gabi und ich zum Abschied noch ein paar tolle Fotos zur Erinnerung an Bocca gemacht:

"Halbreife Hirse - mein Leibgericht!"



"Seht ihr, wie ich es mache? ist doch ein Klacks!"



"Lecker, der saftige Stiel..."



"Einen Freund habe ich hier auch gefunden."



"Mit meinen Kumpels turne ich immer gerne herum!"



"Und Klettern ist das Größte! Wer sagt, dass Standards schwerfällig sind? Quatsch mit Soße!"





"Einer meiner Lieblingsplätze...!"





"Jaaaa, okeeeeeey, ich geb´s ja zu, wir Standards liegen echt gern auf dem Bauch..."




Unser Resümee:

Drei Unterbissküken hatten wir, und jedes ist seinen eigenen Weg gegangen.

Ausgerechnet das erste, älteste konnten wir nicht retten, obwohl wir mit diesem zum Tierarzt gingen und den Schnabel "trimmen" ließen in der Hoffnung, der Oberschnabel könne so noch in Form kommen. Inzwischen glauben wir, dass diese Behandlung genau das Gegenteil bewirkt hat: Es wurde schlagartig ein unkontrollierbares Wachstum des Unterschnabels ausgelöst, binnen 3 bis 4 Tage wuchs er ständig so stark nach, dass Saro ihn immer wieder mit Schere und Feile kürzen musste, eine ausgesprochen stressige Tortur für das Küken. Dem Oberschnabel fehlte durch die Wegnahme des nach innen wachsenden "Hakens" die Spitze, welche das Knacken/ Entspelzen der Körner ermöglicht - und dieser Oberschnabel wuchs nicht nach. Wir raten daher von dieser Methode dringend ab.

Das mittlere Unterbissküken hat richtig Glück gehabt, der Unterbiss hat sich zu einem normalen, einwandfreien Schnabel verwachsen.

Das jüngste Küken hat selbständig eine eigene Methode entwickelt, die im Prinzip die logischste Lösung darstellt: Es hat herausgefunden, dass es den Oberschnabel aktiv zum Fressen über den Unterschnabel schieben kann und so kann es normal fressen.

Die Eltern Baltic und Wanda haben wir sehr schweren Herzens beide an Halter abgegeben, obwohl sie so prächtige und fürsorgliche Düsselwellis sind. Wir möchten mit ihnen nicht noch einmal züchten, um in Zukunft nicht das Risiko einer Wiederholung dieser Handicaps einzugehen.
Immerhin sind wir froh, dass von ihren sechs Kindern fünf doch noch gesund und munter geworden sind und ihren neuen Besitzern jetzt viel Freude bereiten :))).


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